Was hat es mit dem Küchenzuruf auf sich?

Was hat es mit dem Küchenzuruf auf sich?

Ein Leser studiert aufmerksam einen Zeitungsartikel. Er liest ihn komplett, vom ersten bis zum letzten Wort durch. Trotzdem weiß er nach der Lektüre nicht, was ihm der Text eigentlich vermitteln wollte. So eine Situation dürfte jeder Leser kennen. Dass dem Empfinden des Lesers nach die klare Botschaft fehlt, liegt daran, dass der Artikel ein entscheidendes Merkmal nicht vorweisen kann: den Küchenzuruf.

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Was hat es mit dem Küchenzuruf auf sich

Was das ist und wie er gelingt, erklären wir in diesem Beitrag:

Was hat es mit dem Küchenzuruf auf sich?

Der Begriff Küchenzuruf geht auf den Gründer des Magazins STERN, Henri Nannen, zurück. Er erklärte den Begriff mit einer kleinen Anekdote über ein Ehepaar namens Hans und Grete.

Sinngemäß geht die Geschichte so:

Die beiden Eheleute gehen zum Kiosk und kaufen die neue Ausgabe des Magazins. Zurück zu Hause, kümmert sich Grete in der Küche um den Abwasch, während sich Hans im Esszimmer dem Lesen des Magazins widmet. Nachdem Hans eine Geschichte zu Ende gelesen hat, ruft er seiner Frau durch die geöffnete Küchentür empört zu, dass die in Bonn schon wieder eine Steuererhöhung planen. Diese Kurzzusammenfassung definierte Nannen als den Küchenzuruf eines journalistischen Textes.

Die Anekdote mag aus einer anderen Zeit stammen und etwas angestaubt wirken. Doch an der Grundidee hat sich nichts geändert. Jeder Beitrag, egal ob Nachrichtenmeldung, Sachtext oder Fachartikel, braucht eine eindeutige Aussage. Er muss eine Quintessenz haben, die sich in ein, zwei kurzen Sätzen auf den Punkt bringen lässt.

Den Küchenzuruf als Bezeichnung für das journalistische Merkmal hat Henri Nannen geprägt. Doch für das Prinzip gibt es auch andere Namen. In den USA zum Beispiel wird von der Honey-Story gesprochen. Damit ist gemeint, dass der Leser sein Honey (im Sinne von Schatz oder Liebling) auf einen interessanten Artikel aufmerksam macht.

Im Marketing wiederum wird die Bezeichnung Fensterbrüller verwendet. Der Fensterbrüller ist der Satz, den der Werbende einer Menschenansammlung vor seinem Fenster gerne als Werbebotschaft zurufen würde.

Welche Aufgabe hat der Küchenzuruf?

Ein eindeutiger und aussagekräftiger Küchenzuruf erfüllt mehrere Funktionen, von denen alle Beteiligten profitieren.

So liefert der Küchenzuruf dem Leser die Antwort, wieso er den Text eigentlich lesen soll. Die Praxis zeigt, dass sich ein Leser nur wenige Augenblicke nimmt, um sich aufmerksam mit einem Artikel zu befassen. Ist er dann nicht überzeugt, blättert er weiter. Zeichnet sich der Küchenzuruf hingegen von Anfang an klar ab, hält er das Interesse am Weiterlesen aufrecht.

Dazu kommt, dass der Leser den Beitrag durch den Küchenzuruf für sich zusammenfassen kann. Die Botschaft bleibt dadurch eher in Erinnerung. Gleichzeitig steigen die Chancen, dass der Leser andere Personen auf den Text aufmerksam macht. So erhöht sich die Reichweite.

Was beim Leser so ist, gilt auch für einen Redakteur. Möchte der Journalist, dass sein Artikel veröffentlicht wird, muss er zunächst den Redakteur überzeugen. Doch die Zeit des Redakteurs ist knapp bemessen und Entscheidungen fallen schnell. Muss der Redakteur länger darüber nachdenken, was der Textbeitrag aussagen will, wird er ihn ablehnen.

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Für den Journalisten hat der Küchenzuruf ebenfalls einen Nutzen. Denn er sorgt für den roten Faden. Behält der Journalist den Küchenzuruf im Blick, fällt es leichter, relevante Informationen zu formulieren und passende Zwischenüberschriften zu finden.

Wie gelingt ein starker Küchenzuruf?

Auf den Punkt gebracht lässt sich schlussfolgern, dass einem Artikel ohne Küchenzuruf das klare Thema fehlt. Erfahrene Profis raten deshalb dazu, ein Thema solange zuzuspitzen, bis der Küchenzuruf vorhanden ist.

Der Einwand, dass manche Themen zu komplex sind, um sie in zwei Sätzen zusammenzufassen, gilt an dieser Stelle nicht. Denn beim Küchenzuruf geht es nicht darum, ein Thema in allen seinen Details zu erfassen. Stattdessen ist das Ziel, den Inhalt auf die entscheidende Aussage herunterzubrechen. Und das ist auch bei einem komplizierten Sachverhalt möglich.

In der Praxis gestaltet es sich aber mitunter ganz schön schwierig, einen aussagekräftigen Küchenzuruf zu finden.

Hilfreich können deshalb folgende Tipps sein:

Den Küchenzuruf vorher festlegen

Bevor der Journalist beginnt, an seinem Text zu arbeiten, sollte er für sich abklären, was er dem Leser genau sagen möchte. Was ist die zentrale Botschaft, die beim Leser ankommen soll? Diese Kernaussage sollte der Journalist in höchstens zwei Sätzen zusammenfassen. Gelingt ihm das nicht, sollte er sein Thema auf den Prüfstand stellen. Womöglich ist es noch nicht scharf genug umrissen.

Hat der Journalist seinen Küchenzuruf, notiert er ihn am besten auf einem Zettel und bringt die Notiz gut sichtbar am Arbeitsplatz an. So hat der Journalist seinen roten Faden beim Schreiben buchstäblich immer vor Augen.

Auf eine Aussage beschränken

Es gibt durchaus Themen, die verschiedene interessante Aspekte haben. In dieser Situation sollte sich der Journalist überlegen, welchen Punkt davon er einer anderen Person zurufen würde. Genau dieser Punkt bildet dann die Grundlage für den Text.

Es macht wenig Sinn, einen Beitrag mit Informationen zu überladen. Dadurch nehmen sich die einzelnen Botschaften gegenseitig ihre Wirkung. Wenn der Fokus auf einen Punkt aber dazu führt, dass wichtige Aspekte verloren gehen, sollte der Journalist das Thema auf mehrere Beiträge aufteilen.

Den Küchenzuruf ausprobieren

Ist der Journalist unschlüssig, ob sein Küchenzuruf stark genug ist, kann er diesen einfach in der Praxis testen. Dazu ruft er die Kernaussage seines Artikels tatsächlich einer anderen Person zu, so wie es Hans in der oben geschilderten Anekdote gemacht hat. Klingt die Aussage belanglos, seltsam oder zu sperrig, sollte der Journalist die Formulierung überarbeiten.

Und ein letzter Tipp zum Schluss

Der Journalist sollte seinen Küchenzuruf möglichst früh in den Beitrag einbetten. Optimal ist, wenn er gleich in der Einleitung auftaucht. So weiß der Leser direkt, worum es geht, selbst wenn er die Einleitung zunächst nur kurz überfliegt.

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Hier schreiben Wolfgang Stocker, Jahrgang 69, freier Journalist, Sabine Lankmann, 37 Jahre, Inhaberin Medienagentur, Heiko Rieder, 44 Jahre, Journalist und Christian Gülcan, 44 Jahre, Webseiten-Betreiber und Redakteur. Wir möchten Wissenswertes vermitteln über die Pressearbeit und Journalismus, sowie einen Überblick über die Medienlandschaft in Deutschland geben.

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