Kritiken schreiben – ein Leitfaden

Kritiken schreiben – ein Leitfaden

Im ersten Moment scheint es ziemlich einfach zu sein, eine Kritik zu verfassen. Schließlich muss sich der Journalist lediglich eine Meinung über ein Buch, einen Film, ein Musikalbum oder eine Theateraufführung bilden und diese aufschreiben. Doch allein mit dem Vermitteln der eigenen Meinung ist es nicht getan. Eine in sich stimmige Kritik, die informiert und bewertet und die von den Lesern vor allem bis zum Ende gelesen wird, erfordert mehr.

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Kritiken schreiben - ein Leitfaden

Wir erklären, worauf es beim Schreiben von Kritiken ankommt:

Kritiken als journalistisches Format

Im Journalismus gibt es viele Themenbereiche, die Kritiken ermöglichen. So kann der Journalist zum Beispiel Buch-, Film-, Musik-, Theater- oder Kunstkritiken schreiben. Genauso kann er Gastronomiebetriebe, öffentliche Veranstaltungen, örtliche Projekte oder Fußballspiele kritisieren. Die Spielwiese für Kritiken ist also ziemlich groß.

Dabei unterscheidet sich die Kritik deutlich von anderen journalistischen Darstellungsformen. Das liegt daran, dass eine Kritik mehrere Formate bündelt. Die Kritik ist nämlich eine Mischung aus Bericht, Reportage, Interpretation und Kommentar. Im Unterschied zu einer Meldung oder Nachricht darf und soll der Journalist seine Meinung einfließen lassen.

Als Mischform soll eine Kritik dann auch mehrere Aufgaben erfüllen. Einerseits ist sie ein informativer Bericht, der den Leser mit Informationen und Hintergrundwissen versorgt. Der Bericht, der je nach Thema auch den Charakter einer Reportage haben kann, beschreibt, worum es geht und was der Leser zum Thema wissen sollte.

Andererseits ist die Kritik ein Kommentar, der das Thema bewertet. Dafür ordnet der Journalist das Thema ein, beurteilt es, äußert seine positive oder negative Kritik dazu und zieht Vergleiche.

Kritiken erfordern Fachwissen

Unabhängig vom Themenbereich steht bei einer Kritik der Akteur im Mittelpunkt. Das kann zum Beispiel ein Musiker, ein Schriftsteller, eine Gruppe aus Schauspielern, ein Regisseur oder eine Sportmannschaft sein. Dem Akteur steht das Publikum in Gestalt der Leser gegenüber. Mit seiner Kritik bewegt sich der Journalist genau dazwischen.

Er fällt ein Urteil darüber, ob es sich lohnt, sich einen Film anzuschauen, eine CD zu kaufen, ein Buch zu lesen oder für die Aufführung ins Theater zu gehen. Doch wenn der Journalist so eine Bewertung vornimmt, erwarten die Leser zu Recht, dass der Journalist Ahnung hat.

Er sollte das notwendige Fach- und Hintergrundwissen haben, damit er das aktuelle Werk einordnen und mit anderen Werken vergleichen kann. Eine gute Kritik lebt nicht von der eigenen, ganzen persönlichen Meinung des Journalisten, sondern verlangt eine faire und fundierte Auseinandersetzung mit dem Werk und dem Akteur.

Ist der Journalist von einem Werk positiv überrascht oder enorm begeistert, kann er davon ausgehen, dass es einigen seiner Leser genauso ergehen wird. Ist er umgekehrt von einem Werk enttäuscht oder gelangweilt, wird es garantiert Leser geben, die seine Meinung teilen.

Doch der Journalist muss sich darüber im Klaren sein, dass seine Kritik immer auch Gegenkritik hervorrufen wird. Durch sein Urteil macht sich der Journalist angreifbar, aber Angriffe muss er aushalten. Denn ein Leser, der die Kritik überhaupt nicht nachvollziehen kann und seinen Unmut äußert, ist nicht im Unrecht. Er hat lediglich einen anderen Geschmack.

Trotzdem setzt eine gute Kritik neben Fachwissen eine kritische Haltung voraus. Vor allem Journalisten, die noch nicht viel Erfahrung im Schreiben von Kritiken haben, neigen dazu, eher lobende Töne anzuschlagen.

Lob auszusprechen, ist leichter, als Kritik zu äußern. Außerdem weiß der Journalist so zumindest den Akteur und dessen Fans auf seiner Seite. Nur nutzt den Lesern gutgemeinte, aber unberechtigte Lobhudelei eben wenig.

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Kritiken nutzen das journalistische Handwerkszeug

Kritik zu üben, ist oft schwerer als gedacht. Denn eine gute Kritik muss ausgewogen und anspruchsvoll sein. Es geht nicht nur darum, die eigene Meinung zu vermitteln. Stattdessen sollte die Kritik die Zusammenhänge aufzeigen und die Bewertung erklären. Der Leser sollte am Ende wissen, wie der Journalist den jeweiligen Inhalt beurteilt und ebenso, warum er zu diesem Urteil kommt.

Die Vorgehensweise beim Schreiben von Kritiken unterscheidet sich deshalb eigentlich kaum von anderen journalistischen Texten. So macht eine gründliche Recherche den Anfang. Denn damit der Journalist ein Werk oder ein Ereignis professionell beurteilen kann, braucht er Hintergrundwissen.

Der Journalist muss den Akteur und dessen bisherige Arbeiten kennen. Andernfalls wird es schwer, das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Zusammenhänge zu erkennen und Vergleiche zu ziehen. Die Recherche schafft also die Basis für die Maßstäbe, die der Journalist bei seiner Bewertung anlegt.

Als nächstes wählt der Journalist einen Titel für seine Kritik. Hier hat es sich bewährt, wenn er eine These aufstellt, die den roten Faden für seine Kritik bildet. Dabei kann die These ruhig schon in der Überschrift auftauchen.

Anders als im Nachrichtenjournalismus macht es nichts, wenn der Leser den Titel nicht auf Anhieb einordnen kann. Bei einer Kritik geht es in Ordnung, wenn sich der Sinn des Titels erst im weiteren Verlauf erschließt. Gleichzeitig kann der Journalist seine These am Ende noch einmal aufgreifen und so einen Bogen spannen, der den Leser gekonnt aus dem Beitrag leitet.

Im eigentlichen Text orientiert sich der Journalist am besten an den üblichen W-Fragen. Dadurch stellt er sicher, dass er alle relevanten Informationen zum Thema vermittelt. Der informative Teil wird durch den Kommentar ergänzt. Hier beschreibt der Journalist seine Eindrücke und nimmt die Bewertung vor.

Zum Schluss oder in einer Art Info-Box neben dem Text sollte der Journalist die wesentlichen Daten aufführen. Bei einem Buch wären das zum Beispiel der genaue Titel, der Name des Autors, der Verlag, das Erscheinungsdatum, die ISBN, die Seitenzahl und eventuell auch ein Bild vom Cover.

Kritiken können unterschiedlich lang sein

In Tageszeitungen und anderen Printmedien tauchen Kritiken im Wesentlichen in drei Varianten auf. So gibt es zum einen kurze Kritiken im News-Format. Sie umfassen höchstens 500 Zeichen.

Die kompakte Form macht es notwendig, schnell auf den Punkt zu kommen. Oft haben solche Kritiken hauptsächlich informativen Charakter. Sie beschränken sich auf die wichtigsten Angaben und belassen es bei einer kurzen Bewertung.

Zum anderen gibt es umfangreiche Rezensionen, die 3.000 Zeichen und mehr haben können. Sie finden sich oft im Feuilleton und erinnern vom Stil her an eine Kolumne. Solche Kritiken befassen sich üblicherweise nicht nur dem aktuellen Werk oder Ereignis. Stattdessen stellen sie das Thema in einen größeren Zusammenhang oder verknüpfen die Kritik mit Zusatzinformationen über den Akteur.

Die dritte Variante und zugleich die gängigste Form sind Kritiken mit einem Umfang zwischen 1.000 und 1.200 Zeichen. Sie ermöglichen mehr Informationen und ausführlichere Bewertungen als die Kurz-Kritiken, ohne dabei so weit auszuholen wie die sehr langen Kritiken.

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Hier schreiben Wolfgang Stocker, Jahrgang 69, freier Journalist, Sabine Lankmann, 37 Jahre, Inhaberin Medienagentur, Heiko Rieder, 44 Jahre, Journalist und Christian Gülcan, 44 Jahre, Webseiten-Betreiber und Redakteur. Wir möchten Wissenswertes vermitteln über die Pressearbeit und Journalismus, sowie einen Überblick über die Medienlandschaft in Deutschland geben.

Ein Gedanke zu „Kritiken schreiben – ein Leitfaden“

  1. Mein Onkel hat mir diesen Link zukommen lassen… 🙂 und ich muss sagen: jetzt ist mir vieles wesentlich klarer geworden!
    Die Deutschklausur zum Thema Kritiken verfassen steht an, aber dank dieses Artikels bin ich mehr sicher, dass ich die 2 (mindestens!) in der Tasche habe ^-^

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