Wie geht Innovations-Journalismus?, 1. Teil

Wie geht Innovations-Journalismus?, 1. Teil

Innovationen aus der Wissenschaft und Forschung, der Technik, der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder dem Sport sind vor allem für den Fachjournalismus eine elementare Arbeitsgrundlage.

Nur: Wie geht Innovations-Journalismus eigentlich?

Journalismus Innovationen

Wo finden Journalisten geeignete Themen? Woran erkennen sie, ob sie es mit einer echten Neuerung zu tun haben, und nicht nur mit einer nicht ganz so spannenden Nachahmung? Und wie können Journalisten die teils skeptischen Redaktionen davon überzeugen, die Berichte zu drucken?

In einem zweiteiligen Beitrag geben wir Antworten:

 

Der Spagat zwischen Veröffentlichung und Verschwiegenheit

Leonardo da Vinci, seines Zeichens Universalgenie, hielt über mehrere Jahrzehnte Ideen, Visionen, Skizzen und Entwürfe in seinen Notizbüchern fest. Und mit seinem „Codex Arundel“ hinterließ er der Nachwelt eine bunt gemischte Fülle an wichtigen Erkenntnissen aus verschiedenen Naturwissenschaften und innovativen Ansätzen.

Aber es sollte rund 500 Jahre dauern, bis seine Aufzeichnungen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich sind. Nachdem die erhaltenen Notizen in einem aufwändigen Verfahren digitalisiert wurden, können sie heute über die Internetseite der britischen Nationalbibliothek abgerufen werden. Für Fachjournalisten steht damit eine überaus wertvolle Quelle für Beiträge aller Art bereit.


Nun ist Leonardo da Vinci aber nur ein Beispiel für kluge Köpfe, die ihre Konzepte, Erfindungen und Gedanken zu Lebzeiten im Verborgenen hielten. Denn selbst angesehene Persönlichkeiten wurden oft vorschnell als Scharlatane oder Quacksalber beschimpft, wenn ihre Entdeckungen oder Erfindungen ihrer Zeit einfach noch ein Stück zu weit voraus waren. Oder wenn der Klerus oder die Obrigkeit eine Gefahr für die Moral, die Ordnung oder die Machtverhältnisse erkannt haben wollte.

Heute sind es zwei andere Dinge, die Erfindern das Leben schwer machen. Zum einen ist das der Ideenklau, der in einer digitalisierten und vernetzten Welt allgegenwärtig ist. Zum anderen sind es die teils enorm hohen Kosten, die für die Umsetzung einer Innovation investiert werden müssen.

Um ein geschicktes Maß an Öffentlichkeitsarbeit zu finden, das einerseits über die Neuerung berichtet und andererseits nur soviel verrät, dass der Ansatz eben nicht gleich kopiert werden kann, braucht es einen Innovations-Journalismus, der seriös und verantwortungsvoll berichtet.

 

Welchen Nutzen hat die Innovation?

Allein im Jahr 2017 wurden beim Europäischen Patentamt rund 166.000 Patente eingereicht. Über 25.000 Patente davon stammen aus Deutschland. Im europäischen Vergleich belegt die Bundesrepublik damit Platz 1. Die meisten dieser Innovationen beschäftigen sich mit dem Maschinenbau, der Energieerzeugung, dem Transportwesen und Verfahren aus der Mess- und Prüftechnik.

Und auf den ersten Blick scheint es für Innovations-Journalisten nahezuliegen, sich mit eben diesen zum Patent angemeldeten Neuentwicklungen zu beschäftigen.

Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Denn zum einen werden Schutzrechte auch an Innovationen vergeben, die einen eher zweifelhaften Nutzen haben oder die so speziell sind, dass sie bestenfalls für einen sehr kleinen Expertenkreis interessant sind. Zum anderen wird für viele Neuentwicklungen nie ein Patent beantragt. Das wiederum kann daran liegen, dass die finanziellen Mittel schlichtweg nicht vorhanden sind.

Genauso kann aber sein, dass sich die Innovation nicht auf ein klar eingegrenztes Konzept herunter brechen lässt und folglich auch keine konkreten Schutzrechte definiert werden können. Bei den Naturwissenschaften passiert letzteres häufig. Beispielsweise, wenn Wissenschaftler eine bisher unbekannte Pflanzenart aufspüren, die möglicherweise bestimmte Krankheiten heilen könnte.

Oder wenn Forscher auf eine Tierart stoßen, deren Verhalten auf die Funktionsweise von Elektrogeräten übertragen werden könnte. Solche Entdeckungen können die Basis für bahnbrechende Erfindungen liefern, auf die die Welt gewartet hat. Aber weil die Entdeckung nicht auf einen klar definierten Lösungsansatz reduziert werden kann, ist es auch kaum möglich, darauf ein Patent anzumelden.

Die erste Frage, die sich bei der Themenauswahl für den Innovations-Journalismus stellen sollte, sollte somit lauten: Hat die Innovation einen echten Nutzen? Und wenn ja, welchen?

 

Wie neu ist die Innovation wirklich?

Hat der Journalist eine Neuentwicklung aufgespürt, von der er glaubt, dass sie für die breite Öffentlichkeit oder wenigstens für ein größeres Fachpublikum interessant ist, sollte er im nächsten Schritt prüfen, wie neu die Innovation tatsächlich ist. Denn in Wahrheit sind nur die wenigsten Neuentwicklungen echte Neuheiten, die es zuvor auf der ganzen Welt noch nicht gab.

Weitaus häufiger sind Innovationen, die andere Ideen oder schon einmal dagewesene Produkte aufgreifen und weiterentwickeln. An dieser Stelle muss der Journalist deshalb noch einmal genau hinschauen: Handelt es sich bei der Innovation um eine Neuerung, die tatsächlich etwas Neues, Anderes, so noch nicht Dagewesenes mit sich bringt? Oder ist die Innovation letztlich nur eine Kopie, die auf dem gleichen Prinzip basiert wie eine schon vorhandene Erfindung und nur ein paar kleinere Änderungen aufweist?

Ein Beispiel: Ein Hersteller bringt ein Bügeleisen auf den Markt, das optisch komplett überarbeitet ist und somit auf den ersten Blick nicht mehr wie ein Bügeleisen aussieht. Gleichzeitig verspricht der Hersteller, dass mit dem Bügeleisen durch die innovative Form und das besondere Material der Bügelfläche alle Materialien geglättet werden können. Allein dadurch wird das Bügeleisen aber noch nicht zu einer echten Innovation.

Selbst dann nicht, wenn andere Hersteller empfehlen, die Dichtungsgummis von Kühlschränken und Autotüren mit diesem Bügeleisen zu bearbeiten, wenn sie die Türen nicht mehr richtig schließen. Spannend für den Innovations-Journalismus wird es hingegen, wenn ein Produkt auf den Markt kommt, das die Funktion des Bügeleisens in einer komplett neuen Form ersetzt. In unserem Beispiel könnte das etwa ein spezieller Beutel sein.

Ein zerknittertes Kleidungsstück wird in den Beutel gelegt, dieser wird verschlossen, ein paar Mal durch die Luft geschleudert und danach kann das Kleidungsstück knitterfrei wieder entnommen werden. Ein solcher Beutel könnte das Bügeleisen in seinem klassischen Anwendungsbereich ersetzen und dabei auch noch Rohstoffe und Energie sparen. Damit wäre der Beutel eine echte Neuheit und gleichzeitig ein interessantes Thema für den Innovations-Journalismus.

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