Das Foto im Journalismus, 2. Teil

Das Foto im Journalismus, 2. Teil

Gute Fotos können einen Beitrag abrunden, zusätzliche Informationen liefern oder einen Inhalt erzählen, der sich nur schwer in Worte packen lässt. Das gilt jedenfalls dann, wenn das Foto im Journalismus genauso ernst genommen wird wie der Text.

Es gab Zeiten, in denen Fotos in erster Linie Lücken auffüllen sollten. Doch das ist vorbei. So macht es nichts, wenn das Layout eher locker und mit Freiräumen angelegt ist. Dennoch werden Beiträge gerne mit Bildern angereichert. Das wiederum gilt sowohl für gedruckte Zeitungen als auch für Onlinemedien, in denen Textlängen und Seitenlayouts ja sehr viel flexibler gehandhabt werden können.

Damit stellt sich die Frage, welche Bedeutung das Foto im Journalismus eigentlich hat. In einem zweiteiligen Beitrag gehen wir dieser Frage auf den Grund. Dabei drehte sich der 1. Teil um die Verwendung von Bildern und das Foto als journalistische Darstellungsform.

Jetzt, im 2. Teil, wollen wir klären, wie ein gutes Foto entsteht.

 

3 Regeln für gelungene Fotos

Ein Foto, das nach journalistischen Regeln erstellt und den Ansprüchen des Journalismus gerecht wird, begleitet und unterstützt die Aussage des Beitrags oder ergänzt die Geschichte um Aspekte, die ein Bild besser und verständlicher transportieren kann als ein Text.

Ein solches Foto ist dann nicht nur hübsches Beiwerk, das einen längeren Artikel optisch auflockert. Stattdessen entwickelt das Bild genauso eine eigene Aussagekraft und einen kommunikativen Wert wie jeder einzelne Textabschnitt. Nur: Was heißt das für die Praxis? Eigentlich kann in Sachen Foto nicht allzu viel schiefgehen, wenn der Fotojournalist drei einfache Regeln berücksichtigt.

 

Regel Nr. 1: Präzise abklären, was die Redaktion möchte.

Fotos, die die Redaktion nicht verwerten kann oder will, entstehen häufig dann, wenn es im Vorfeld keine klaren Absprachen gab. Wenn es um Texte geht, haben Redakteure und Journalisten meist ein feines Gespür. In den Redaktionssitzungen kann dieser Punkt deshalb schnell abgehandelt werden, denn die gegenseitigen Erwartungen sind auch ohne ausschweifende Erklärungen klar. Soll der Journalist beispielsweise einen einseitigen Bericht über ein bestimmtes Ereignis schreiben, wird er keine zehnseitige Reportage verfassen.

Wenn der Journalist zu seinem Text aber auch passende Bilder abliefern soll, können die Ideen und Erwartungen schnell weit auseinandergehen. So möchte der Redakteur vielleicht rein erklärende Bilder, die die Aussagen im Text anschaulich aufbereiten, während dem Journalisten Fotos vorschweben, die die Leser auf einer emotionalen Ebene ansprechen. Oder der Redakteur stellt sich Skandalfotos vor, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Auflage steigern, wohingegen der Journalist die Sache neutral und zurückhaltend abhandeln möchte.

Ein Beispiel: Der Journalist soll einen namhaften Politiker portraitieren. Da ein Politiker eine Person des öffentlichen Lebens ist, wird er ständig und in den unterschiedlichsten Situationen fotografiert. Eine Aufforderung wie „Mach zu deinem Text auch ein Foto vom Politiker XY“ ist deshalb kein klarer Arbeitsauftrag. Stattdessen sollten die Redaktion und der Journalist präzise abstimmen, was für ein Bild es werden soll. Wie soll der Politiker dargestellt werden? Welche Situation soll das Bild einfangen? Erst wenn klar ist, was genau benötigt und gewünscht ist, kann und sollte sich der Journalist an die Arbeit machen.

 

Regel Nr. 2: Zuerst die Bildaussage formulieren, dann fotografieren.

Ein großer, aber zugleich weitverbreiteter Fehler ist, dass der Journalist seine Kamera zückt und einfach drauflos knipst. Es kann zwar gut sein, dass auf diese Weise viele technisch gute Bilder entstehen und auf den Fotos alles drauf ist. Allerdings wird oft nicht klar, was die Fotos eigentlich aussagen sollen.

Bei privaten Schnappschüssen, Urlaubsfotos oder Erinnerungsbildern kennt der Betrachter die Ausgangssituation und weiß, worauf er achten muss. Beim Leser einer Zeitung ist das aber anders. Er hat nur das Bild vor sich. Deshalb muss er die entscheidenden Informationen auf den ersten Blick erkennen können.

Der Journalist sollte daher, bevor er seine Kamera einschaltet, für sich in einem kurzen Satz zusammenfassen, was die zentrale Bildaussage sein soll. Formuliert der Journalist beispielsweise „Ich will zeigen, wie stilvoll und modisch sich der Politiker XY kleidet“, kann er sein Bild viel gezielter aufnehmen und gestalten. Denn durch die geplante Bildaussage ergibt sich gleichzeitig, was auf dem Foto zu sehen sein muss und was vernachlässigt werden kann.

Im obigen Beispiel etwa bietet sich eine Ganzkörperaufnahme des Politikers an, die sein Outfit und dessen modischen Akzente in den Mittelpunkt stellt. Auf Aufnahmen, die das Büro oder den Politiker beim Handschlag mit einer anderen Person zeigen, kann in diesem Fall hingegen verzichtet werden. So ist das Foto auf das Wesentliche reduziert und die Bildaussage wird gleichzeitig wesentlich klarer.

 

Regel Nr. 3: Die Aussagekraft des Fotos kritisch prüfen.

Ein journalistischer Beitrag lebt von der Geschichte, die er erzählt. Das gilt für einen Text genauso wie für ein Foto. Ein guter Journalist erzählt seine Story spannend, interessant und unterhaltsam, kommt dabei aber auf den Punkt und schwafelt nicht unnötig herum.

Er konzentriert sich auf das, was wirklich zählt, und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. Übertragen auf Fotos und Bilder bedeutet das: Mindestens 80 Prozent der Bildfläche sollten Inhalte zeigen, die für die Bildaussage von Bedeutung sind. Leere Flächen, Details, die verwirren oder ablenken, und Inhalte, die im Widerspruch zur geplanten Bildaussage stehen, sollten gar nicht vorhanden sein.

Außerdem sollte der Journalist seine Aufnahme immer kritisch hinterfragen. Muss bei einem Portraitbild beispielsweise wirklich die ganze Person zu sehen sein oder reicht für das Verständnis der Bildaussage nicht auch der Oberkörper aus? Ist es tatsächlich notwendig, das komplette Gebäude abzubilden oder wäre ein bestimmter Teilbereich nicht aussagekräftiger? Manchmal ist ein gut ausgesuchter Ausschnitt die deutlich bessere Wahl.

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