Die Bedeutung von Emotionen im Journalismus

Die Bedeutung von Emotionen im Journalismus

Objektivität und Journalismus gehören unbedingt zusammen. Emotionale Ausreißer kann es eventuell noch im Boulevardjournalismus geben. Doch ansonsten muss Journalismus neutral, objektiv und distanziert sein, Emotionen haben darin nichts verloren. Lange Zeit war das nicht nur die klassische Haltung im seriösen Nachrichtenjournalismus, sondern letztlich die Norm in der Praxis und auch in der Forschung.

Die Bedeutung von Emotionen im Journalismus

In den vergangenen Jahren hat sich dieser Blick aber deutlich verändert. Emotionen sind längst im Journalismus angekommen. Sie machen die Berichterstattung intensiver und schaffen eine stärkere Verbindung zu den Lesern.

Andererseits beeinflussen Emotionen unsere Wahrnehmung und wirken sich so auch auf gesellschaftliche Debatten aus.

Was heißt das für die Arbeit von Journalist:innen?

Soziale Medien als Beschleuniger

Dass der Journalismus emotionaler ist, hängt sicherlich mit der wachsenden Bedeutung der sozialen Medien zusammen. Denn auf diesen Plattformen werden sehr oft emotionalisierte Inhalte verbreitet. Doch obwohl Social Media den Prozess deutlich beschleunigt hat, liegen die Wurzeln tiefer.

Schauen wir uns journalistische Beiträge an, die mit hochkarätigen Preisen ausgezeichnet wurden, stellen wir fest, dass fast alle dieser Texte für den Einstieg gezielt Emotionen thematisieren.

Mag sein, dass einige Autor:innen die Wirkung eher unbewusst erzeugt haben. Trotzdem sind die Emotionen ein wichtiger Baustein in den Erzählungen.

Emotionalisierte Inhalte sind also kein Phänomen, das erst mit den digitalen Medien aufgekommen ist. Stattdessen handelt es sich um eine lange Tradition, die jetzt deutlicher in Erscheinung tritt.

Der Journalismus war und ist schon seit jeher mehr als nur ein nüchternes Berichten oder ein sachliches Vermitteln von aktuellen Nachrichten.

Positive und negative Emotionen

Wir leben in einer Zeit, die von Krisen geprägt ist, angefangen bei den Folgen von Corona über Kriege und geopolitische Unsicherheiten bis hin zur Klimakrise. Aus diesem Grund überwiegen Emotionen wie Ängste, Sorgen und Unruhe.

Aber Emotionen haben auch eine konstruktive Seite. Mitgefühl und Solidarität entfalten zum Beispiel bei Katastrophen, Anschlägen oder bedenklichen Entwicklungen in der Gesellschaft eine starke Wirkungskraft.

Die Medien haben die Instrumente, um Empathie zu vermitteln und auf diese Weise die Gemeinschaft zu stärken.

Fakten und Emotionen im Zusammenspiel

Auf den ersten Blick scheint es, als würden wir deutlich stärker auf emotionale Narrative reagieren, während reine Fakten schneller in Vergessenheit geraten. Tatsächlich müssen Fakten und Emotionen aber gar keine Gegensätze sein.

Emotionen gehören zur menschlichen Existenz dazu. Wir sind soziale Wesen, suchen die Gemeinschaft, tauschen uns mit unseren Mitmenschen aus und interagieren mit ihnen. Dieses Miteinander hat immer auch eine emotionale Grundlage.

Gleichzeitig sind Emotionen mit Fakten verknüpft. Setzen wir uns zum Beispiel mit einer Wirtschaftskrise und stark steigenden Preisen auseinander, empfinden wir Unsicherheit oder Zukunftsängste.

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Solche Gefühle sind eine Art, wie wir Fakten bewerten und die Informationen für uns einordnen. Insofern stehen Emotionen nicht unbedingt der Rationalität entgegen, sondern ergänzen das Gesamtbild.

Auch im Journalismus spielt die menschliche Komponente eine Rolle. Als es Zeitungen nur in gedruckter Form gab, ging es bei der Leser-Blatt-Bindung auch um die emotionale Bindung.

Die Leser:innen sollten sich als Teil des Ganzen fühlen und sehen, dass ihre Zeitung ihre Interessen wahrnimmt.

Die Bedeutung von Emotionen im Journalismus (1)

Risiken durch Emotionen

Emotionen im Journalismus bergen auch Risiken, etwa wenn sie Ängste schüren oder zur Polarisierung beitragen. Ein gutes Beispiel ist der vergangene Wahlkampf für die Bundestagswahl.

Die Migration war das dominierende Thema und in vielen Debatten, politisch wie medial, wurde Migration als Bedrohung für den Sozialstaat dargestellt. Die Berichterstattung fokussierte sich auf dieses Thema und lud es dabei emotional auf.

Selbst die nachweislich gesunkene Anzahl an Asylanträgen wog das Bedrohungsszenario nicht mehr auf.

Dieses Beispiel zeigt, dass Emotionen durchaus negatives Potenzial haben können. Hat sich ein Thema einmal emotional aufgeladen, kann es sich verselbstständigen und sich losgelöst von Fakten immer weiter aufschaukeln.

Ein verantwortungsvoller Einsatz

Der Journalismus muss sich im Wettbewerb behaupten. Gerade die digitalen Plattformen setzen Algorithmen ein, die die Nutzer:innen möglichst lange auf der Seite halten und zum Mitmachen animieren sollen.

Mit einer emotionalen Adressierung klappt das besonders gut. Der Journalismus braucht Strategien, um neben solchen Angeboten zu bestehen und auch in Zukunft Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Lösung kann aber nicht sein, das Vorgehen der sozialen Medien einfach nur zu kopieren. Stattdessen müssen sich Journalist:innen ihrer Verantwortung bewusst werden.

Welche Emotionen löse ich mit dieser Schlagzeile oder diesem Bild aus? Ist meine Darstellung angemessen? Zeige ich die Realität oder greife ich nur auf einseitig reduzierte Stereotypen zurück, weil sich die Geschichte so besser verkauft? Welche emotionale Beziehung will ich zu meinen Leser:innen aufbauen?

Solche Fragen sollten im Journalismus eine Rolle spielen, und das bei der Recherche, in Interviews, beim Schreiben und in Redaktionskonferenzen gleichermaßen.

Emotionen haben im Journalismus ihren Platz. Aber sie müssen verantwortungsvoll eingesetzt werden. Voraussetzung dafür ist, dass eine systematische Auseinandersetzung mit Emotionalität im Journalismus stattfindet.

Diese sollte bereits in der Ausbildung verankert sein, so wie es auch die Journalismusforschung in den vergangenen Jahren getan hat.

Journalist:innen dürfen emotionale Betroffenheit zulassen, wenn sie zum Beispiel über Kriege oder Katastrophen berichten. Aber sie müssen lernen, diese Emotionen professionell einzubinden und sich darüber bewusst werden, welche Wirkung sie mit ihrer Arbeit erzielen.

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Am Ende geht es nämlich um Vertrauen. Eine emotionale Bindung zu den Leser:innen entsteht nicht obwohl, sondern weil die Berichterstattung relevant und glaubwürdig ist.

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Hier schreiben Wolfgang Stocker, freier Journalist, Sabine Lankmann, - Inhaberin Medienagentur, Heiko Rieder, 44 Jahre - Journalist und Christian Gülcan - Inhaber Artdefects Media Verlag (2009 Presseausweis/ DJV) und Ferya Gülcan - Inhaberin Onlinemedien-Agentur. Wir möchten Wissenswertes über die Pressearbeit und Journalismus vermitteln, sowie einen Überblick über die Medienlandschaft in Deutschland geben.

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