Berichterstattung über Menschen mit Behinderung – 5 Tipps

Berichterstattung über Menschen mit Behinderung – 5 Tipps 

Die Presse und die Medien im Allgemeinen können großen Einfluss auf die Wahrnehmung und den Umgang mit behinderten Menschen nehmen. Sie können buchstäblich dazu beitragen, dass Barrieren abgebaut werden. Aber oft herrscht große Verunsicherung darüber, welche Aussagen und Formulierungen denn überhaupt “politisch korrekt” sind.

Und auch im direkten Umgang mit behinderten Menschen sind Journalisten oft unsicher, denn einerseits brauchen sie Informationen, möchten andererseits aber niemandem zu nahe treten oder ihn gar verletzen.

Dabei würden sich viele Problematiken und Bedenken ganz von alleine in Luft auflösen, wenn der Gesprächspartner einfach als Gesprächspartner gesehen würde – unabhängig davon, ob er nun eine Behinderung hat oder ob nicht.

Und im Sinne von Praxiswissen für Journalisten sind hier fünf Tipps rund um die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung:

 

Tipp 1: Den Gesprächspartner nicht auf seine Behinderung reduzieren.

In sehr vielen Zeitungsartikeln wird die Behinderung des Gesprächspartners zum Thema gemacht, obwohl der Beitrag eigentlich ein ganz anderes Thema behandelt. Und oft lautet der Unterton, dass es diese Person trotz ihrer Behinderung zu etwas gebracht oder etwas erreicht hat. Gleichzeitig wird der Fokus meist auf die Defizite und Einschränkungen gelegt. Es wird also herausgearbeitet, was der behinderte Gesprächspartner alles nicht kann.

Dies führt dazu, dass ein Mensch mit Behinderung automatisch in einem bestimmten Licht erscheint, nämlich als jemand, der es trotz seiner Handicaps erstaunlich weit gebracht hat. Doch entscheidend für den Bericht sollte nicht die Behinderung sein, sondern der Mensch und seine Leistung.

Wenn das Thema des Artikels nichts mit der Behinderung zu tun, gibt es keinen Grund, die Behinderung zu thematisieren. Ist der Gesprächspartner Experte auf einem bestimmten Gebiet, dann steht er als dieser Experte vor dem Journalisten. Und ein Experte kennt sich aus und kann Wissen vermitteln, das nichts mit der Behinderung zu tun haben muss.

Doch auch das wird einem behinderten Menschen oft nicht zugestanden. Der Journalist sollte also lernen, sich auf seinen Gesprächspartner zu konzentrieren, statt die Behinderung in den Vordergrund zu stellen.

 

Tipp 2: Dem Gesprächspartner auf Augenhöhe begegnen.

Im Umgang mit behinderten Menschen neigen viele dazu, eine andere Haltung anzunehmen. Teils aus Unsicherheit, teils aus Mitleid behandeln sie den Behinderten wie ein Kind. Vor allem Menschen mit geistiger Behinderung werden oft automatisch geduzt und ihr Entwicklungsstand wird mit dem Stand eines Kleinkindes verglichen. Doch zum einen gibt es überhaupt keinen Grund, einen erwachsenen Menschen einfach so zu duzen.

Und zum anderen ist ein geistig behinderter Mensch nicht auf dem gleichen Stand wie ein drei- oder fünfjähriges Kind. Es mag zwar sein, dass er in bestimmten Bereichen eingeschränkt ist, beispielsweise länger braucht, um einen Sachverhalt zu erfassen, sich Inhalte zu merken oder einen Satz zu formulieren. Aber in anderen Bereichen hat er keinerlei Einschränkungen.

Zudem ist nicht jeder Behinderte automatisch auf Hilfe angewiesen, nur weil er behindert ist. Ganz im Gegenteil möchten viele Behinderte weder ständig bemitleidet noch wie ein rohes Ei behandelt werden. Wenn sich der Journalist unsicher ist, wie er sich verhalten soll, gibt es eine ganz einfache Lösung:

Den Gesprächspartner fragen. Er wird dem Journalisten am besten sagen können, was er möchte und was ihm nicht recht ist. Ansonsten gilt, dass der Journalist keine Unterschiede machen, sondern jeden Gesprächspartner mit dem gleichen Respekt behandeln sollte.

 

Tipp 3: Mit und nicht nur über den Gesprächspartner sprechen.

Vor allem bei der aktuellen Berichterstattung stehen Journalisten häufig unter Zeitdruck. Sie müssen Abgabetermine einhalten und deshalb zügig vorwärtskommen. Trotzdem sollte der Journalist genug Zeit einplanen, wenn er einen behinderten Menschen als Gesprächspartner hat.

Je nach Behinderung kann es eben sein, dass der Gesprächspartner etwas länger braucht, um den Treffpunkt zu erreichen, sich an die Gesprächssituation zu gewöhnen oder seine Antworten zu formulieren. Die paar Minuten mehr muss sich der Journalist also nehmen.

So mancher Journalist neigt außerdem dazu, sich überwiegend mit der Begleitperson zu unterhalten. Natürlich spricht nichts dagegen, die Begleitperson in das Gespräch einzubeziehen. Der Hauptakteur ist und bleibt aber der Gesprächspartner, denn schließlich geht es ja auch um ihn. Wenn der Journalist einen gelungenen Bericht abliefern will, muss er also mit seinem Gesprächspartner sprechen – und nicht nur über ihn.

 

Tipp 4: Auf Floskeln und Phrasen verzichten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch haben sich Redewendungen und Floskeln etabliert, die im Zusammenhang mit Behinderungen gerne bemüht werden. In Zeitungsartikeln ist dann beispielsweise zu lesen, dass ein Mensch an einer Behinderung leidet, sein Schicksal tapfer meistert oder an den Rollstuhl gefesselt ist.

Solche Formulierungen sind natürlich nicht böse gemeint, hinterlassen aber immer einen fahlen Beigeschmack. Ist etwa davon die Rede, dass jemand sein Schicksal tapfer meistert, so heißt das nichts anderes, als dass diese Person irgendwie versucht, wenigstens ein paar halbwegs schöne Lebensjahre zu erleben.

Eine positive Grundeinstellung und Lebensfreude werden damit aber automatisch ausgeschlossen. Genauso ist ein behinderter Mensch nicht an einen Rollstuhl gefesselt. Stattdessen sitzt er in dem Rollstuhl und nutzt ihn als Fortbewegungsmittel.

Und nicht jeder Mensch mit Behinderung leidet an seiner Behinderung. Er mag zwar vielleicht in gewissen Bereichen eingeschränkt sein, aber er ist nicht zwangsläufig ein Leid geplagtes Wesen. Insofern sollte der Journalist lernen, die Dinge beim Namen zu nennen und dafür auf leere Phrasen zu verzichten. 

 

Tipp 5: Nicht in zwei Gruppen trennen.

In vielen Zeitungsartikeln wird zwischen zwei Gruppen unterschieden. Auf der einen Seite stehen die normalen, gesunden Menschen und auf der anderen Seite die behinderten, kranken Menschen. Nur weil ein Mensch eine Behinderung hat, heißt das aber noch lange nicht, dass er nicht “normal” ist.

Zudem gerät oft in Vergessenheit, dass Themen wie beispielsweise Barrierefreiheit keineswegs nur Menschen mit Behinderung interessieren. Auch Senioren oder Eltern mit Kinderwagen wissen Aufzüge und Rampen anstelle von steilen Treppen zu schätzen. Der Journalist sollte also keine Einteilung in Gruppen vornehmen, sondern das Thema seines Berichts mit dem notwendigen Weitblick aufarbeiten.

 

Extra-Tipp:
Auf der Internetseite der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen gibt es zahlreiche weiterführende Infos zu diesem Thema. Außerdem steht dort ein Leitfaden im PDF-Format mit Tipps für die Berichterstattung über behinderte Menschen zur Verfügung, an dem sich Journalisten orientieren können.

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